Auf dieser Website möchte ich die Idee der Dekontextualisierung darlegen und entwickeln.
Betrachtet man die technologische Entwicklung in der gesamten Menschheitsgeschichte, so fällt auf, dass die Entwicklungsgeschwindigkeit sich mehr oder weniger kontinuierlich beschleunigt hat. Anfangs vollzog sich diese Entwicklung sehr langsam um gegenwärtig in geradezu explosionsartiger Geschwindigkeit zu kulminieren. Doch was zeichnet diesen Fortschritt eigentlich im Kern aus?
Geht man weit in die Vergangenheit zurück und betrachtet man die Evolution von den einfachsten molekularen Ursprüngen über die kambrische Evolution der Vielzeller bis zur heutigen Technologieexplosion, so gibt es ein hervorstechendes Merkmal: Die Wirkung, die von einem Organismus oder einer Technologie auf seine Umgebung ausgeht, verstärkt sich zunehmend, im Gegenzug wird die Abhängigkeit von den Außenbedingungen sukzessive geringer. Dies gilt vielleicht nicht im gesamten Bereich der Evolution, aber in den 'avangardistischen' Entwicklungsästen.
Bei Organismen wird diese Wirkungsverstärkung auf sehr unterschiedliche Weise verwirklicht.
Einige Beispiele:
Durch Mehrzelligkeit wird die Größe des Tiers oder der Pflanze vergrößert. Die Reichweite der Wirkung des Lebewesens wächst.
Bei Tieren jenseits der Organisationsstufe von Schwämmen wird Bewegung und Koordination durch Nerven und Muskeln erreicht. Beweglichkeit und die Entwicklung leistungsfähiger Sinnesorgane laufen dabei Hand in Hand.
Die 'Erfindung' der Warmblütigkeit schafft eine neue Unabhängigkeit von Außentemperaturen, die die Leistungsfähigkeit des Gesamtorganismus steigert. Ausdauer, Geschwindigkeit und leistungsfähigere Gehirne sind die Folge. Versuchen wir erste Definitionen:
1. Dekontextualisierung ist die Herauslösung von etwas aus Nähebeziehungen (Kontext) und seine Überführung in räumlich und/oder zeitlich entferntere Beziehungen.
Bei der Menschwerdung vollzieht sich aber eine viel grundsätzlichere Veränderung. Die Hülle der Haut, die bis dahin im Wesentlichen mit der Wirkgrenze des Organismus einherging wird durchbrochen und Funktionalität, die bis dahin im Inneren beheimatet war, tritt mehr und mehr nach außen. Es entstehen echte Objekte.
2. Ein Objekt ist
a) vom Körper des Bezugspartners lösbar, d.h. man kann sich von ihm entfernen, es wieder aufnehmen. Es ist kein fester Bestandteil des Körpers.
b) Ein Objekt wird durch einen bewussten Akt des Schaffens, meist selbst mit einem Objekt oder in der weiteren Entwicklung durch ein komplexes Objekt (Maschine) hergestellt und nicht durch angeborene Verhaltensweisen. Dadurch unterscheiden sich echte Objekte von Pseudoobjekten (Spinnennetzen, Biberdämmen, gespuckten Wassertropfen von Schützenfischen etc.).
Während z.B. ein erwachsener Löwe alles als Körperstrukturen bei sich hat, was er zum Leben braucht, besitzt ein Mensch Objekte, die er bei Bedarf einsetzt.
Gegenwärtig vollziehen sich dekontextualisierende Entwicklungen in rasendem Tempo. Man kann von einer Dekontextualisierungsexplosion sprechen. Am deutlichsten wird dies im Bereich der Computertechnologie. Man kann beliebig in die sich rasch differenzierende Hard- und Software hineinblicken, überall entfaltet sich das gleiche Bild: Die Rechengeschwindigkeit wächst, die Speicherkapazität (Speicher bedeutet ja nichts anderes als Information aus der Vergangenheit, die in der Gegenwart oder Zukunft genutzt werden kann) schwillt an, die Miniaturisierung schreitet voran und die Vernetzung mit anderen weit entfernten Computersystemen. Gegenwärtig entstehen mit den sensorreichen Smartphones die wohl universellsten Maschinen.
Beispiel 1: Die Evolution ballistischer Waffen
Bei der Evolution ballistischer Waffen vom Speer bis zum Maschinengewehr werden viele Dekontextualisierungsschritte vollzogen.
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Speer: Der Speer bedeutet die basale Dekontextualisierung vom Körper des Menschen. Der Speer ist nicht mehr Bestandteil des Körpers, wie der Zahn, sondern ist ein loslösbares Objekt. Dadurch wird die Reichweite erhöht (durch den ballistischen Wurf) und die Eindringtiefe (Speer dringt tiefer ins tierische Gewebe ein als Zahn)
Exkurs: Grundsätzlich kann man drei Haupstoßrichtungen der Dekontextualisierung sehen: a) Die räumliche Entfernungsvergrößerung (Vergrößerung der Wirkungsreichweite des handelnden Subjekts, Vergrößerung der Reichweite sich distanzierender Objekte)
b) Die zeitliche Entfernungsvergrößerung (Speicherung von Information auf DNS/RNS-, nervöser, schriftlicher und digitaler Ebene)
c) Ein Vorgang der eigentlich nicht definitionsgemäß zur Dekontextualisierung zählt. Die wachsende Fähigkeit in immer kleineren Strukturen gezielt einzugreifen (z.B. Mikroelektronik, Gentechnik und mikromechanische Strukturen)
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Speer mit Speerschleuder: Ein Zwischenglied erhöht die Reichweite des Speers (Prinzip des Hebels)
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Pfeil und Bogen: Die kinetische Energie wird nicht direkt durch die Muskelkraft auf das Projektil übertragen. Der Bogen überträgt die Muskelenergie indirekt beim Loslassen der Sehne. Dadurch wird die Reichweite des Projektils erhöht (Prinzip der Umwandlung von Spannungsenergie in Bewegungsenergie)
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Armbrust: Durch einen Halte-und Auslösemechanismus wird der menschliche Arm von der Aufgabe des Haltens der Spannung entbunden. Durch einen Spannmechanismus kann eine noch höhere Energie dem Bogen zugeführt werden. Daraus resultiert eine höhere kinetische Energie des Projektils (Prinzip der kontrollierten Auslösung)
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Feuerwaffe: Die kinetische Energie kommt nicht mehr aus der Muskelkraft, sondern wird durch chemische Prozesse erzeugt. Reichweite und Durchschlagskraft erhöhen sich. (Prinzip der thermischen Expansion von Gasen bei Verbrennung)
- Feuerwaffe mit Patrone: Die Patrone fasst eine Tätigkeit (das Laden) in einer Struktur zusammen (Prinzip des Readymade)
- Maschinengewehr: Der Auslöser für den 2. Schuss und die darauf folgenden Schüsse wird nicht mehr durch den Schützen vorgenommen, sondern durch ein selbsterhaltendes System von Spannungs- und Auslösevorgängen. Die Feuerkraft wächst an (Prinzip der Automatisierung)
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"Elektrisches" Maschinengewehr: Die Energie für die Auslösevorgänge stammt nicht mehr aus dem Rückstoß, sondern wird aktiv durch elektromagnetisch betriebene Einheiten erbracht
Diese Dekontextualisierungsreihe zeigt deutlich, dass die potentielle Entfernung des Wirkortes wächst und gleichzeitig die Komplexität des jeweiligen Systems. Wir können die Behauptung aufstellen: Das gezielte Erreichen eines zeitlich oder räumlich entfernten Ziels ist von der zugrunde liegenden Komplexität abhängig. Anders formuliert: Bestimmte zeitliche und räumliche Distanzen können erst mit einer zugrunde liegenden Mindestkomplexität überwunden werden.
Dekontextualisierung ist, wie diese Beispiele vielleicht suggerieren könnten, kein Prinzip, welches erst in der kulturellen (memetischen) Evolution auftaucht. Das zeigt das folgenden Beispiel.
Beispiel 2: Warmblütigkeit
Bei warmblütigen Organismen ist die Nähebeziehung zur Umwelt (Angleichung der Körperwärme an die Temperatur der Außenwelt) aufgehoben zugunsten einer eng definierten Betriebstemperatur, die durch aktive Streuerungsmechanismen des Körpers konstant gehalten wird. In den meisten Fällen wird durch eine passive Isolationsschicht (Fell, Gefieder, dicke Fettschicht) der Wärmefluss vom Körper nach außen reduziert. Dies entspricht einer räumlichen Distanzierung zur Umgebung.
Die gleichbleibend hohe Körpertemperatur erlaubt es dem Tier leistungsfähigere Organe zu entwickeln, auch in der Nacht keine Leistungseinbußen hinnehmen zu müssen, kalte Lebensräume zu erobern, .... Der Preis ist ein erhöhter Energieverbrauch.
Was zeichnet Nähebeziehungen aus? Die Wirkungen aus dem Nahraum nehmen Einfluss (z.B.biochemische Einflüsse, Temperaturwirkungen aus der Umgebung, Feuchtigkeitsunterschiede, Salinitätsdifferenzen)
Durch Dekontextualisierung können Organismen oder technische Objekte ihren Wirkungsbereich ausdehnen und sie können ihren eigenen inneren Zustand gegen Aussenwirkungen besser schützen (Immunologie im weiteren Sinn).
Beispiel 3: Sprache und Schrift
Betrachten wir zuerst eine von unserer Sprache abweichende Form der Sprache: Die Bienensprache. Sie ist nur in der Lage anderen Bienenarbeiterinnen die Entfernung und die Richtung der Futterquelle zu übermitteln. Sie ist auch eine analoge Sprache, die die Intensität und Richtung als Information für das zu Übermittelnde nutzt. Die Überbringerin der Botschaft muss aber nicht mehr den Stockgenossinen voranfliegen, sondern kann in Abwesenheit des Zieles die Adresse übermitteln. Damit wird eine raum-zeitliche Kontextlösung vorgenommen.
Bei der menschlichen Sprache wird die Kontextlösung weiter getrieben. Es existiert keine Bindung mehr an einen bestimmten Zweck der Informationsübermittlung. Wichtig ist aber, dass der Sender und der Empfänger nach wie vor in einer zeitlichen und räumlichen Nähebeziehung stehen müssen. Diese wird erst durch die Schrift aufgehoben.
Die Schrift macht es möglich, sprachliche Inhalte zu fixieren, und diese können dann durch ein transportables Medium zum Empfänger gebracht werden oder der Empfänger begibt sich zu dem fixen Medium (z.B. Steintafel). Wesentlich ist die räumliche und zeitliche Entkoppelung. Schriftliche Medien in dieser Form haben keinen Vorteil gegenüber dem gesprochenen Wort, wenn es um zeitnahen wechselseitigen Informationsaustausch geht , da eine schnelle wechselweise Kommunikation zwischen den jeweiligen Partnern nur in der Nähebeziehung möglich ist. Diese wird erst in neuerster Zeit durch die Peer to Peer-Kommunikation beim Chatten und mit Einschränkungen bei der SMS gelöst.
Wo schreitet Dekontextualisierung schnell voran?
Die Dekontextualisierung schreitet am schnellsten in Bereichen voran, die von ihren Grundvoraussetzungen mit hohen Geschwindigkeiten arbeiten, also in technischen Systemen, die mit Lichtgeschwindigkeit Informationen von einem Ort zum anderen transportieren. Dort wo materielle Zusammenhänge (=Kontexte) bestehen, sind der Dekontextualisierung naturgemäß engere Grenzen gesetzt. Allerdings bewirken auch rein quantitative Größen, wie die Erhöhung der Reisegeschwindigkeit von Personen und Fracht eine deutliche Dekontextualisierung, d.h. der Wirkungsbereich dehnt sich aus.
Betrachten wir z.B. die Veränderung in der Client-Server-Architektur in vernetzten PC-Computer-Systemen.
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Am Anfang gab es kaum Vernetzung. Es existierte ein Einzelplatz-Computer mit angeschlossener Tastatur und Maus als Eingabegeräte und einem Bildschirm und Drucker als Ausgabegeräte.
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Dann kam die Vernetzung der Rechner im LAN und mit dem World Wide Web. Ein Server stellte Dateien zur Verfügung, auf die alle zugreifen konnten.
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Der nächste Schritt war die zunehmende Übertragung von Applikationen auf den Server. Bei Terminal-Diensten wurden nun die Programme auf dem LAN-Server ausgeführt.
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Der nächste Schritt war konsequenterweise die Übertragung der Applikationsausführung auf einen über das WWW zur Verfügung stehenden Server. Dadurch war es nun möglich von jedem Ort auf Applikationen zugreifen zu können.
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Durch den Dekontextualisierungsschritt Virtualisierung wurden auch die Programme und Daten beweglicher. Sie können nun auch von Server zu Server wandern, ohne dass der Client davon etwas mitbekommt.
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Ein weithin unbeachteter Dekontextualisierungsschritt ist der Hyperlink. Er verweist auf ein entferntes Ziel und überbrückt in Millisekundenschnelle Entfernungen bis zu 20 000km. Der Vorgänger Querverweis ist im Vergleich dazu extrem langsam.
Dekontextualisierung führt zu Spannungen und Zerstörungen
Bis jetzt entstand der Eindruck Dekontextualisierung sei etwas überwiegend Positives. Bei genauerer Betrachtung wird allerdings klar, dass eine rasche Entwicklung verheerende Folgen haben muss und sogar in einer Art von Supernova enden kann.
Wie entstehen Spannungen und Zerstörungen?
Durch die Aufhebung der Körpergrenze (s.o. bei Speer) wurde es dem Menschen möglich große Beutetiere zu erlegen, mit der zwangsläufigen Folge, dass die Großtierfaunen weltweit in wenigen tausend Jahren fast vollständig verschwanden. Das Resultat war die Einführung des Ackerbaus und der Viehzucht. Damals fand ein erzwungener großer Dekontexualisierungsschritt statt. Nicht mehr direkte Nutzung, sondern verzögerte, nach einer Schonungsphase oder besser Pflegephase der Nutzpflanzen und -tiere. Interessanterweise bildete sich sofort eine Adelskaste, die auf dem vom Bauern erwirtschafteten Ressourcen parasitierte. Diese Adelkaste machte sich die Tatsache zu Nutze, dass der Bauer eine Nähebeziehung zu seinen Pflanzen eingehen musste und dadurch immobil wurde, der Adlige (meist zu Pferd) aber sehr mobil blieb.
Verallgemeinert man dieses Prinzip, werden einem auch die Zusammenhänge, die zwischen Kapital und Arbeit bestehen klarer. Kapital ist ja an Geld gebunden und dadurch extrem beweglich, heutiges "Geld" besteht ja eigentlich nur aus einem Besitzer zugeordneten Zahlen, das nationale Grenzen mühelos überschreitet. Die Arbeit aber ist schon an materielle Voraussetzungen, besonders in der Industrieproduktion, gekoppelt und der Arbeiter an Wohnort und Nationen. Der Kapitalismus lebt ja von Differenzen. Die Differenz von regional unterschiedlichen Produktionskosten treibt beispielsweise den investierenden Kapitalstrom und seine Reward-Erwartungen an.
Mit den heutigen technischen Möglichkeiten werden wir in sehr kurzer Zeit diesen Planeten seiner natürlichen Ressourcen beraubt haben und gezwungen sein, stark dekontextualisierte technische Systeme an deren Stelle zu setzen. Dass dies erfolgreich gelingt ist außerordentlich fraglich, da die auf Objektebene dekontextualisierten Systeme im Gegensatz zu natürlichen Systemen permanent gemanaget werden müssen und mit ihrer ebenso permanent wachsenden Komplexität die Leistungsfähigkeit des Menschen überfordern (s.Währungskrisen).
Interessanterweise 'befallen' Krisen diesen stark dekontextualisierten Bereich des Geldes und der Börsengeschäfte als erstes, da hier weltumspannende mit nahezu Lichtgeschwindigkeit ablaufende Interaktionen sich ereignen.
Wenn die Veränderungsgeschwindigkeit höher ist als die Anpassungsgeschwindigkeit der Menschen, dann müssen immunologische Probleme bei den Menschen auftreten und zwar im Sinne einer erweiterten Immunologie, die die Integration äußerer Veränderungen ins Innere oder die Abwehr dieser Veränderungen bedeuten. Dann treten Störungen, wie z.B. Sucht auf. Bei Sucht können äußere Dinge(Suchtmittel) die Selbststeuerung des Menschen massiv stören indem sie prominent werden, d.h. sie üben auf das Individuum einen stärkeren Einfluss aus, als das Individuum auf sie. Wenn man die menschliche Kulturevolution als fortschreitende Dekontextualisierung von körpernahen zu körperfernen 'Funktionen' sieht, so wird klar, dass eine Gewichtsverlagerung von innen nach außen stattfindet. Es müssen charakteristische psychische Folgen, wie dass Gefühl der Sinnentleerung die Folge sein. Denn Sinn ist ja etwas, dass mit der Bindung von etwas an mich selbst zu tun hat. Lockern und lösen sich diese Bindungen, dann kommt es zu dem Gefühl der Sinnlosigkeit.
Rekontextualisierung
Am Beispiel der Brutpflege will ich nun einige interessante Fragen berühren, die mit Dekontextualisierung zu tun haben.
Brutpflege hat sich in den unterschiedlichsten Tiergruppen unabhängig entwickelt. Charakteristisch für die Brutpflege ist es, dass der Nachwuchs nicht nach der Eiablage oder der Geburt verlassen wird, sondern mehr oder weniger lang meist vom Mutter- oder Vatertier betreut wird. Besonders auffällig ist das bei Arten, die die Nahrung für die Jungen aus speziellen Drüsen bereitstellen oder die Jungen mit herbeigeholter Nahrung füttern. Der Kontext "Jungtier muss Nahrung finden" wird dadurch zerbrochen. Die erfahreneren und voll entwickelten Elterntiere oder Arbeiter/Arbeiterinnen übernehmen diese Rolle. Dadurch stehen dem Jungtier räumlich und zeitlich entferntere Ressourcen zur Verfügung als einem Jungtier, welches sich selbst um Nahrung kümmern muss. Es kann größer und komplexer werden.
Zwangsläufige Folge ist eine Verstärkung der Nähebeziehung zwischen Kind und pflegenden erwachsenen Individuen. Bei staatenbildenden Hautflüglern ist die zu fütternde Larve morphologisch stark vereinfacht, da sie sich nicht vom Ort bewegen muss und ihre einzige "Pflicht" im raschen Wachstum besteht. Die fütternde Arbeiterin ist dagegen entweder flugfähig (Bienen, Wespen) oder kann schnell laufen (Ameisen) und die Nahrung in einen "Sozialmagen" (Solidaritätssystem) überführen oder daraus entnehmen.
Letztendlich wird durch Brutpflege das Problem gelöst, dass Kleinheit, mangelnde Beweglichkeit, geringere Differenzierung des neuronalen Apparates eine stärkere Abhängigkeit von direkten Einflüssen der Umwelt bedeuten. Jeder sich von der Eizelle entwickelnde Organismus ist diesem Nachteil im Verlauf der Ontogenese in schwindendem Maße ausgesetzt.
Der Dekontextualisierungseffekt kann gemessen werden (wir bewegen uns auf festem naturwissenschaftlichem Grund). Beispielsweise kann ermittelt werden, aus welcher Entfernung die Nahrung stammt, wie hoch ihr Proteingehalt ist, wieviel "soziale Mägen" sie schon passiert hat...
3. Definition:
Rekontextualisierung ist die Entwicklung neuer Nähebeziehungen, die aber nicht mehr den ursprünglichen Kontexten entspricht, sondern den Organismus oder die technische Einheit in Wirknähe von "Verdichtungszonen" bringt, die die räumliche und zeitliche Fern- oder Schutzwirkung steigern (z.B.: Brutpflege, Virtualisierung von Betriebssystemen, Ausführen von Programmen auf Applikationsservern, Handynetze, Versicherungs- und Bankwesen, Kapitalismus, Schulen...). Die bunte Beispielkette ließe sich beliebig fortsetzen.
Betrachte ich nur einmal die Tätigkeit, die ich im Moment gerade ausführe. dann kann ich schon die verschiedenen Dekontextualisierungsebenen erkennen. Erraten Sie selbst, was sich hier an Dekontextualisierung versteckt!:
Ich bearbeite auf einem Netbook mit Wireless-LAN-Verbindung zum Router eine Website unter Verwendung eines Programms, welches remote auf einem Applikationsserver läuft. Der Clou ist, dass diese Texte, nachdem sie durch Indizierung in einer Suchmaschine (Google, Yahoo) weltweit zugänglich gemacht wurden, potentiell jedem verfügbar sind. Eine kontextuelle Hürde, die noch eingebaut ist, ist die deutsche Nationalsprache, die eine Weiterverbreitung verhindert. Ist sie beseitigt, könnten meine Gedanken dann von anderen, weit entfernten Menschen rezipiert werden. Aber nur potentiell, da ja eine ungeheure Konkurrenz um Aufmerksamkeit im WWW besteht.
Wir können uns die Wirkungserweiterung durch Dekontextualisierung sehr gut veranschaulichen, wenn wir den Dekontextualisierungsweg gedanklich zurückgehen. Nehmen sie einfach dem Homo erectus den Speer weg oder lassen sie das lebendgebärende Tier wieder Eier legen... und überlegen sie dann, was dann an Möglichkeiten noch bleibt.
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